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Geschichte des Museums Rietberg und seiner Villen

Die Wesendoncks und Richard Wagner (1857-1871)

Das Museum Rietberg mit seinen drei Villen aus dem 19. Jahrhundert liegt mitten im schönsten Park der Stadt Zürich, dem Rieterpark. Im Herzen der weitläufigen Gartenanlage steht die 1857 im Auftrag von Otto und Mathilde Wesendonck erbaute Villa. Otto Wesendonck führte von Zürich aus seine international tätige Seidenhandelsfirma und seine Frau Mathilde verstand es glänzend, ein gastfreundliches, für eine Vielzahl von Künstlern, Intellektuellen und Wissenschaftlern offenes Haus zu führen. Besonders eingenommen waren die Wesendoncks vom Komponisten Richard Wagner, der schon seit 1849 in Zürich weilte. Sie stellten 1857 dem Komponisten und seiner Frau Minna in unmittelbarer Nähe ihrer neuen Villa ein Haus zur Verfügung (heute Villa Schönberg), das Wagner sein «Asyl auf dem Grünen Hügel» nannte. Zwischen der jungen Mathilde Wesendonck und dem Komponisten entwickelte sich eine innige Freundschaft. Mathilde Wesendonck hat Wagner – glaubt man den glühenden Briefen und Liebesbeteuerungen, die er während seines sechzehnmonatigen Aufenthalts auf dem «Grünen Hügel» an sie geschrieben hat – völlig in ihren Bann gezogen. Inspiriert von dieser Liebe vollendete er die Urschrift von «Tristan und Isolde» und brachte den ersten Akt dieser Oper zu Papier – eine Sternstunde der europäischen Musikgeschichte!

Auch Mathilde Wesendonck war von den Gesprächen, Musikvorführungen und Lesungen mit dem Komponisten beflügelt und beseelt. Sie begann Gedichte zu schreiben, und fünf von ihnen, die heute als «Wesendonck-Lieder» bekannt sind, vertonte Wagner. Im Gedicht «Im Treibhaus» beschreibt die Dichterin die wehmütigen Gefühle, die sie in der Dämmerstunde im Wintergarten beim Anblick exotischer Pflanzen befallen: «Hochgewölbte Blätterkronen, Baldachine von Smaragd…Kinder ihr aus fernen Zonen, saget mir, warum ihr klagt?... Wohl ich weiss es, arme Pflanze, ein Geschicke teilen wir, ob umstrahlt von Licht und Glanze, unsere Heimat ist nicht hier.»

Die heutigen Besucherinnen und Besucher der Villa Wesendonck mögen diese elegischen Worte von Mathilde Wesendonck nachdenklich stimmen. Sind nicht auch die «aus fernen Zonen» stammenden Kunstwerke, die heute im Museum «umstrahlt von Licht und Glanze» präsentiert werden, heimatlos, verpflanzt in eine fremde Museumswelt?

Noch einen Bezug zum heutigen Museum gilt es zu bedenken: Richard Wagner, und von ihm inspiriert auch Mathilde Wesendonck, waren von der Lektüre von Arthur Schopenhauers «Die Welt als Wille und Vorstellung» begeistert. Schopenhauers Propagierung des Buddhismus inspirierte Wagner zu einem Entwurf einer Oper mit dem Namen «Die Sieger», in der die letzte Wanderung des historischen Buddha erzählt wird. Im Umfeld von Richard Wagner entstand so in Zürich eine der frühesten Zirkel von Buddhismus-Begeisterten in Europa – und dies an einem Ort, wo heute eine der schönsten Buddhismus-Sammlungen in Europa gezeigt wird.

An Silvester 1857 überreichte Wagner seiner geliebten Muse die Kompositionsskizze von «Tristan und Isolde» mit einem Widmungsgedicht: «Hochbeglückt, schmerzentrückt, frei und rein, ewig Dein –».

Der vertraute Umgang zwischen Mathilde Wesendonck und Wagner und die eifersüchtige Reaktion von Wagners Frau Minna führte zu einem Eklat. Wagner trennte sich von seiner Frau, aber auch von Mathilde Wesendonck, und verliess im August 1858 sein «Asyl» und fuhr nach Venedig. Im Jahr 1871 verkauften die Wesendoncks ihr Anwesen auf dem «Grünen Hügel» und zogen nach Deutschland.

Die Zeit der Familie Rieter (1872-1945)

Nach dem Auszug der Wesendoncks kaufte der aus Winterthur stammende Adolf Rieter-Rothpletz (1817–1882) die Villa Wesendonck und verbrachte das letzte Jahrzehnt seines Lebens dort. Drei Jahre nach seinem Tod zog sein Sohn Fritz Rieter (1849-1896) mit seiner Frau Bertha Rieter-Bodmer (1857-1938) ein.

Die Villa Schönberg, das Haus im dem Richard Wagner kurzzeitig gewohnt hatte, wurde für die Schwiegermutter von Fritz Rieter, Henriette Bodmer-Pestalozzi (1825-1906) umgebaut, wo sie von 1888 bis zu ihrem Lebensende lebte. Im Anschluss wohnte eine der drei Enkelinnen mit ihrem Mann in der Villa Schönberg; Inez Rieter (1879-1941) und Ulrich Wille junior (1877-1959), Sohn des Generals der Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg.

Im September 1912 weilte während einigen Tagen der deutsche Kaiser Friedrich Wilhelm II als Gast von Berta Rieter-Bodmer in der Villa Wesendonck. Die Familie Rieter und ihre Villen mit umliegendem Park waren für den Kaiser, der auf Einladung des Bundesrates für die militärischen Herbstmanöver in die Schweiz kam, als das passende Grundstück für dessen Aufenthalt auserkoren worden.

1923 war Adolf Hitler zu Gast in der Villa Schönberg. Er hielt am 30. August eine Rede zur Lage Deutschlands. Motiv für seinen Aufenthalt in Zürich war die akute Finanznot der NSDAP. Bei der «Unterredung» in der Villa Schönberg, bei der es vorwiegend um eine Spendenaktion für die NSDAP ging, können rund 15-20 Personen anwesend gewesen sein, neben Mitgliedern der deutschen Kolonie auch deutschfreundliche Schweizer Offiziere sowie Geschäftsleute mit Interessen in Deutschland. Wie viel Geld Hitler 1923 mit seiner Rede eintreiben konnte, ist nicht gesichert. Sowohl Ulrich Wille junior wie auch dessen Schwester Renée Schwarzenbach-Wille, waren mit Rudolf Hess bekannt; Hitlers wichtigster Vermittler für potentielle Schweizer Geldgeber, damals Student in Zürich, der ebenfalls anwesend war.

Die Villa Wesendonck

Im Jahr 1945 kaufte die Stadt Zürich den 67'000 Quadratmeter grossen Rieterpark und die Villa Wesendonck. Die Familie Rieter verkaufte die Villa Schönberg 1970 wiederum einem Generalunternehmer. Die Villa stand damit vor dem Abbruch. Die Stadt kam dem zuvor, erwarb das Gebäude 1976 und stellte es unter Denkmalschutz. Seit 1978 ist die Villa Schönberg Teil des Ensembles des Museums Rietberg, zuerst für Ausstellungen, später für die Verwaltung.

ARS UNA - EIN MUSEUM FÜR WELTKUNST (seit 1952)

Das Museum Rietberg gibt es aus gutem Grund: 1949 sagte das Zürcher Stimmvolk «ja» zum Umbau der Villa Wesendonck in ein Museum und «ja» zur Gründung des Museums Rietberg. Das neue Museum sollte die Sammlung des Barons Eduard von der Heydt (1882–1964) aufnehmen, die der Sammler und Bankier der Stadt Zürich als Geschenk versprochen hatte. Eduard von der Heydt hatte seine Sammlung asiatischer, afrikanischer, amerikanischer und ozeanischer Kunst vornehmlich in den 1920er und 1930er Jahren erworben. Seine Maxime als Kunstsammler bezeichnete er als «ars una», es gibt nur eine Kunst. Im Jahr 1952 wurde das neue Museum unter der Leitung von Johannes Itten (1888–1967) als «Museum Rietberg der Stadt Zürich» eröffnet. In seiner Nachfolge übernahm 1956 Elsy Leuzinger (1910–2010) und ab 1973 Eberhard Fischer die Direktion des Museums. Seit 1998 leitet Albert Lutz das Haus.

Der Erweiterungsbau (2007)

Den bedeutendsten Entwicklungsschritt machte das Museum 2007 mit der Eröffnung des Erweiterungsbaus mit seinem Wahrzeichen, dem Smaragd. Der weitgehend unterirdische Neubau der Architekten Alfred Grazioli und Adolf Krischanitz überzeugt durch seine Grosszügigkeit, Klarheit und zurückhaltende Eleganz. Der gläserne Eingangspavillon fügt sich harmonisch in das Ensemble von Villen und Park.



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